Im Sabbatjahr nach Afrika

Ein Sabbatjahr ist nicht per se etwas Gutes, außer man tut es – so dachte ich mir in der Zeit vor dem Sabbatjahr.

Ein lang gehegter Wunsch war : einmal Afrika kennenlernen

Durch einen Kontakt über das Hilfsprojekt „ Together“ in Kassel hatte ich die Möglichkeit, im November 2014 nach Uganda zu reisen: nach Kooki im Kibaale-District 160 km nordwestlich von Kampala in die dortige Schule St.Andrea Kaawa. Dort konnte ich im Gästehaus leben, in der Agrarwirtschaftsklasse unterrichten, abends mit den Schülern Volleyball spielen, mich mit ein paar Studenten im Praktikum austauschen, an einer Studienfahrt der Schüler zu einer nationalen Tierzuchtstation in Entebbe teilnehmen und im Schulgarten arbeiten und afrikanisches Leben kennenlernen:

  • Wasser aus der Leitung: ab und zu, aber nicht zum Trinken, dafür gab es fast jeden Tag einen Regenschauer, der zum Duschen reichte
  • Essen: einfaches Frühstück mit Ei, mittags und abends Maisbrei, Kochbananen , Bohnen und ab und zu etwas Fleisch.
  • Schlafen: unter dem Moskitonetz
  • Einkauf: mit 3 stündigem Fußmarsch, dort gibt es nur geringe Auswahl, aber immerhin Telefonkarten für ein Netz mit zeitweisem Empfang
  • Straßen: außer den 4 Hauptstraßen aus der Hauptstadt finden sich überwiegend Lehmpisten, die durch den regelmäßigen Regen zu extrem schlechten, ausgefahrenen, rutschigen Feldwegen werden, die an an vielen Tagen gänzlich unpassierbar sind, für die 40 km von der Hauptstraße brauchten wir bei guten Bedingungen 3 Stunden mit dem Allrad-Bus zur Schule.
  • Verständigung: viele junge Menschen sprechen englisch, was nicht ganz leicht zu verstehen ist, aber auf Nachfrage Verständigung gut ermöglichte.
  • Bildung: eine Alphabetisierungsrate von ca. 90%, also unserem Standard entsprechend, hat mich überrascht. In „meiner“ Schule mit Internat waren die ersten Schüler um 5 Uhr morgens in der Klasse, um zu lernen, die letzten gingen um 22Uhr aus der Schule zu Bett, einige Schüler laufen täglich 10 km und mehr zur Schule! Die Lehrpläne der Berufsschule entsprechen unserem Niveau, aber bei bis zu 90! Schülern pro Klassekann individuelles Lernen nicht gelingen. Bei der Studienfahrt mit den Schülern konnte ich erleben, das Erlernte den Schülern bei der Anwendung nicht praxisorientiert zur Verfügung stand. Theorie-Praxis-Übungen fehlen, u.a. auch weil das Lehr- und Anschauungsmaterial nicht vorhanden ist. Die Lehrer sind motiviert, einer nimmt die Schüler auch mit auf seine eigene Farm, um ihnen etwas zu zeigen. Die Schüler und Lehrer fassen sehr bereitwillig mit an, wenn es etwas zu reparieren oder zu erledigen gibt
  • Ein paar einfache Übungen zum pH-Wert fanden dort ein begeistertes Echo, alle Schüler wollten selbst ausprobieren, wie zB. Holzaschezugaben zum Boden den pH-Wert veränderten.
  • Energie: gekocht wird auf offen Holzfeuern mit riesigen Töpfen bei unerträglichem Qualm, zumal das Holz im Regen lagert, einiges wird auf Holzkohleöfen zubereitet, was möglichst den ganzen Tag brennt, da das Anzünden ja bekanntlich aufwändig ist. Strom gibt es nur teuer vom Benzin-Generator, Benzin kostet so viel wie in Deutschland. Hier stellte ich mir die Frage , warum gibt es keine Lehmherde, die sehr viel Holz sparen, kein Biogas, obwohl genug Biomasse und Abwasser /Latrine vorhanden ist (klar, das ist teuer!), der legendäre Solarkocher steht bezeichnender Weise im Zoo von Entebbe, ist aber meines Erachtens in Uganda nicht gut zu gebrauchen. Wo ist hier die praktische Entwicklungshilfe? Warum kann man ein Handynetz aufbauen, aber keine fahrbaren Straßen? Der Urwald ist abgeholzt, womit heizt man in 5 oder 10 Jahren???
  • Müll: Abfälle liegen herum, werden gelegentlich unter dichten Qualmwolken verbrannt, und das in einem Land, das ein Energieproblem hat und jeder Rohstoff genutzt werden müsste!?
  • Verkehr: Der Verkehr in der Hauptstadt ist abenteuerlich, vom Flughafen ins Zentrum sind für die 40 km 1-2 Stunden nötig. Auf dem Land kommt man mit den Minibussen und den Boda-Boda-Motorrädern gut zurecht, wenn man sich so ein Abenteuer zutraut…Selbstfahrer brauchen gute Nerven und ein Allradfahrzeug und Geländeerfahrung.

Mein Fazit: Entwicklung braucht Zeit, das Dilemma ist, dass das Bevölkerungswachstum schneller geht als die wirtschaftliche Entwicklung. Wir sollten aus Nächstenliebe und aus Eigennutz die Entwicklungshilfe intensivieren und effizienter machen: Bildung, Energieversorgung, Arbeitsplätze, verbesserte Infrastruktur sind in Uganda dringende Entwicklungsziele, die bei Nichterreichen die Menschen zwingen ihr Land zu verlassen, zB. ins reiche Europa, Menschen aus den trockenen Ländern brauchen dringend nachhaltigen Zugang zu Wasser , um nicht auswandern zu müssen. Ein Aufenthalt dort relativiert unsere Maßstäbe, hier jammern viele auf hohem Niveau.

Was ist aus meiner Sicht in Kooki nötig:

  • In der Berufsschule sind praktische Übungen nötig, um den Lehrstoff zu vertiefen. Dazu würden je nach Berufsrichtung kleine Sets mit Werkzeug oder Analysematerial reichen. Ich denke, dass auch eine entsprechende Schulung der Lehrer nötig ist, sie müssen natürlich die Veränderung gestalten.. Die Schüler wirkten sehr interessiert und aufgeschlossen. Die Bedarfsliste müsste von den Lehrern kommen.
  • Der Schulgarten ist eine tolle Einrichtung. Hier ist mein Vorschlag, die Zahl der Kulturen zu erweitern, um den Schülern auch andere Gemüse und Früchte zu zeigen: Tomaten und Paprika unter Foliendächern, Knoblauch, Zwiebeln, Bohnen, Kartoffeln, Kürbis usw. Dazu wären Beete so aufzuteilen, dass Schüler in eigener Regie Versuche machen können, Verantwortung lernen und Vergleiche zwischen Bewirtschaftungsformen ziehen können: mit/ohne Humus, Dung, Mulch… . Die begonnen Kompostierung sollte ausgeweitet werden, es ist falsch, organische Abfälle wie Grasschnitt oder Bohnenstroh zu verbrennen, anstatt si e zu kompostieren und als Dünger zu verwenden. Die große Zisterne ist mit kleinem Aufwand zu reparieren, ich habe es mit John schon abgesprochen, es wäre eine große Hilfe für die Bewässerung des Schulgartens in der Trockenzeit. Es besteht auch Interesse an einer Tröpfchenbewässerung, eine kleine Anlage habe ich installiert, man könnte noch ein paar Schläuche dazu fügen, aber eine Beregnung wäre auch ausreichend mit 4 Regnern .
  • Die Jungentoiletten müssen erneuert werden. Dabei sollte man prüfen, ob man als Pilotanlage mal Humustoiletten ausprobiert und eine Mini-Biogasanlage installiert, um Energie und Dünger zu gewinnen. Bei Erfolg kann man das ja erweitern.
  • Um Holz zu sparen, sollten die Kochstellen auf Lehmherde umgestellt werden, das spart ca. 50% Holz, außerdem werden die Köche nicht mehr geräuchert. Das Holz müsste in Schuppen trocken gelagert werden, so dass es effektiver brennt. Eine Kettensäge könnte dafür sorgen, dass es in kleinere Stücke zersägt würde, die sich dann auch spalten lassen. Dann kann man bedarfsgerecht feuern. Zur Zeit werden die Stämme als Ganzes durchgeschoben und brennen den ganzen Tag. Zumindest symbolisch sollten im Schulgelände Bäume nachgepflanzt werden, so dass der Brennstoff auch wieder nachwächst. Dabei sind sie vor Ziegenfraß zu schützen.
  • Müll könnte auch in Öfen verbrannt werden ,so dass das Schulgelände nicht verqualmt wird, vielleicht sogar als Brennstoff beim Kochen.

Auf die staatliche Entwicklungshilfe zu warten , halte ich für vergeblich, die Hilfe vor Ort kommt viel besser an. Hilfen für Kooki kommen den Schülern wirklich zu Gute! Ich kann mir vorstellen, dass sich kleine , angepasste Ideen durchsetzen, wenn sie von den Menschen als solche erkannt werden und preiswert zu haben sind.

Ich kann nur jedem , der kann und Interesse hat, empfehlen, sich vor Ort ein Bild zu machen, möglichst abseits der Touristenhotels. Von der ugandischen Gastfreundschaft können wir noch viel lernen! Die vielen unmittelbaren Erfahrungen lassen mich auch Wochen später noch nicht wieder los, und wenn ich könnte, würde ich gleich wieder hinreisen…

 

Günter Ochs-Degenhardt, Borken

 

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